Warum soll eigentlich unter intellektuell-engagierten Leuten immer kritisch und scharf – dabei auch noch fair – diskutiert werden? Was bringt das? Geht das Publikum hinterher klüger oder befriedigter von dannen, weil das Weltbild mal wieder bestätigt ist, dass man sich durchsetzen muss in dieser Welt, weil einem sonst die Butter vom Brot genommen wird?

Heute Abend habe ich hautnah, in der 3. Zuschauer-Reihe erlebt, wie so die Stimmung kippen kann und hinterher gemauert wird. Dabei ging es so gut los mit dem Moderator des Forums, der jeden auf dem Podium ausführlich vorstellte und glaubwürdig herzlich begrüßte. Wahrscheinlich lag es nicht zuletzt an dieser herzlichen Begrüßung, dass der Minister mit Humor und Charme auf die ersten Fragen reagierte, durchaus mit einer Prise Selbstironie. Er gewann die Sympathie des Publikums, doch dann zerrann sie auch wieder.

Denn der Minister ließ Humor, Charme und Selbstironie immer mehr in den Hintergrund treten und parierte schwierige, kritische Fragen mit einer Lawine von Fakten und Zahlen, komplexen Einzelheiten, die immer so ausgewählt schienen von diesem schnell sprechenden Menschen, ihn und seine Arbeit als höchst kompetent und über schnöde Angriffe erhaben dastehen zu lassen. Sein Zahlengedächtnis war für mich beeindruckend, ebenso wie die Detailkenntnis, doch dennoch war die Wirkung verheerend. Eine Trennwand baute sich so auf, zwischen ihm und dem Moderator, zwischen ihm und den anderen Podiumsteilnehmern, zwischen ihm und dem Publikum. Und je mehr Kritik an ihn und sein Weltbild herangetragen wurden, umso mehr trieb er die Zahlen-Daten-’Fakten-Wand in den Raum hinein und wurde zu Mr. Unfehlbar, der gleichzeitig andere nicht ausreden ließ oder ihne eine Belehrung zuteil werden ließ wie dem gut informierten HR-Journalisten, der mit viel Feingefühl und ohne Drang zur Provokation nicht regierungskonforme Informationen in die Runde einbrachte.

Hätte seine Art doch nur mehr Raum gehabt, dieses Hinweisen und zur-Diskussion-stellen, ohne die eigene Position zum Maß aller Dinge zu machen! Zum Schluss waren Charme, Humor und Selbstironie des Ministers nur noch eine blasse Erinnerung. Und wie es wohl dem Moderator ging? Die scharfe Diskussion hatte er erreicht, war aber von dem Minister ein paar Mal angepfiffen worden. War’s das wert? Oder ist nicht vielmehr ein selbstironisches, humorvoller Minister viel mehr wert.

Karinamo