Wie konnte das nur so schnell gehen? In der letzten Juli-Woche saß Mrs 90 noch auf meinem neuen Wohnzimmer-Sofa und unterstützte mich mit ihren positiven Kommentaren beim Anlegen einer Farbwand. Heute am 11. September 2011 ist sie schon zwei Tage tot und ihr sterbliche Hülle wartet auf die Feuerbestattung.

Es ist unfassbar, dass diese Frau zwar mit starkem Eisenmangel, aber doch wohl aussehend in ein großes Frankfurter Krankenhaus ging und dieses erst wieder im Sarg verlassen hat. Und leider nach jeder Menge Leiden.

Denn zweifelsohne ist es ein Leiden, wenn ein 90 Jahre alter Mensch wegen eines – wie sich herausstellte – noch nicht bösartigen Tumors im Darm den gesamten Bauch aufgeschnitten bekommt und wenn ihr nach der Operation und einigen daraus entstehenden Komplikationen ohne Narkose Eiter entfernt wird.

Diese Frau hatte keine Angst vor dem Tod und wie tragisch, dass ausgerechnet sie in den Würgegriff der Apparatemedizin gekommen ist, dass ausgerechnet bei ihr, ein so genannter lebenserhaltender Eingriff nach dem anderen gemacht wurde. Wie folgerichtig, dass sie die Magensonde, die man ihr ganz zum Schluss gesetzt hatte, selber entfernt oder sich besser gesagt herausgerissen hat. Folgerichtig ja, aber auch hart.

Ohne ein Gutteil Schmerzen kann dieses Ableben nicht vonstatten gegangen sein, auch wenn über die Infusionen wohl Schmerzmittel zugeführt wurden. Umso erstaunlicher, dass diese Frau noch lachen und auf eine fast jenseitige Art mit uns scherzen konnte, als Mrs 101 und ich sie fünf Tage vor ihrem Tod im Krankenhaus auf der Intensivstation besuchten.

Sie erkannte uns noch, meinte mit Wärme in ihren Augen, sie sei „sprachlos“, uns hier zu sehen. Nicht alles, was sie danach sprach, kam aus klarem Bewusstsein. Das erkannte selbst die nahezu erblindete und vom Gehör ziemlich eingeschränkte Mrs 101. Doch beim Abschied war die Patientin wieder ganz und gar bei uns. Wieder dieses Lachen, als sie zu ihrer betagten Freundin sagte: “Auf die nächsten 100 Jahre!” Ich musste schwer schlucken, es kam mir vom Bauchgefühl wie ein Abschied vor, nur der Verstand wollte es noch nicht wahrhaben. 

Ich bin so froh, dass ich die Stimme von Mrs 90 in meinem inneren Ohr noch hören kann. Ich brauche einfach noch etwas Zeit, um ihren Tod und den Verlust dieser großartigen Frau zu akzeptieren. Um nicht sinnbildlich Schaum vor dem Mund zu bekommen, wenn ich über ihre Behandlung in dem großen Krankenhaus spreche. Ich brauche noch mehr Zeit.

Karinamo