Vor einer Woche ist meine Oma gestorben. Zum Schluss war es angesichts ihrer Krankheit eine Erlösung, und dennoch fühle ich tiefe Traurigkeit und einen großen Verlust. Denn meine Oma hat 43 Jahre lang zu meinem Leben gehört. Sie war eine Kämpferin mit schier unendlichem Lebens- und Überlebenswillen. Sicherlich dreimal in den letzten acht Jahren sahen wir sie mit einem Fuß im Grab und immer wieder ging es dann bergauf. Für die Ärzte war sie ein Phänomen, eine erstaunliche Frau, die mit 79 Jahren zur Dialyse-Patientin wurde und sich trotz der ungeheuren körperlichen Auszehrung infolge dieser Behandlung 14 Jahre lang dreimal pro Woche der Dialyse unterzog.
Woher kam diese Kraft, was waren die Wurzeln meiner Oma?
Schon als sie geboren wurde, war das Leben kein Zuckerschlecken. Am 10. Januar 1918 lag der 1. Weltkrieg in seinen letzten Zügen. Zusammen mit ihrer Schwester Erna wuchs die kleine Emma in einem kleinen böhmischen Dorf am Rande des Erzgebirges auf und wurde in der Schule eine gute Schülerin. „Sie war keine Dumme“, haben mir meine Eltern erzählt. Sie hätte nur Einser und Zweier gehabt.
Und schon in der frühen Kindheit erwarb sie eine Fertigkeit, die sie tatsächlich bis zur Meisterschaft entwickelte: Das Spitzen-Klöppeln. Erklären konnte sie es einem nicht richtig, was sie da eigentlich machte. Viel zu schnell flogen die Klöppel über den Klöppelsack, und hinschauen musste sie auch kaum.
Meine Oma gebar meinem Opa zwei Söhne. Die beiden erlebten 45 gemeinsame Ehejahre, die Entbehrungen des 2. Weltkrieges und 1966 schließlich den Abschied von ihrer alten Heimat verbunden mit dem schwierigen Neuanfang als Spätaussiedler in Ostbayern.
Ich erinnere mich noch, dass wir in meiner Kinderzeit Sonntag Nachmittags oft bei Oma und Opa waren, wo in größerer Runde das Kartenspiel „Anlegen“ gespielt wurde. Um Pfennigbeträge wurde da gespielt, das mit Begeisterung und Leidenschaft. Diese Leidenschaft fürs „Anlegen“ hat sich meine Oma bis zuletzt bewahrt. Als ich mit zwei ihrer Urenkel Ende Juni zu Besuch im Altersheim war, haben wir schnell mal vier Runden „Anlegen“ gespielt. Der 9-Jährige staunte nicht schlecht, als zwei dieser vier Runden an die „Urle-Oma“ gingen. Denn sie war bis zum Schluss ein Fuchs beim Karten spielen.
Diese Erinnerung wird uns bleiben.
Karinamo