Wie zerfurcht muss eigentlich das Gesicht einer 100-Jährigen aussehen? Diese Frage habe ich mir am Sonntag Nachmittag gestellt, als ich neben Mrs 101 am Kaffeetisch im Altenheim saß.

Die Wangen der wackeren Lady sehen nämlich eindeutig glatter aus als die von anderen Seniorinnen,  seien sie nun in den 80ern oder 90ern. Und eigentlich beginnt der Vergleich schon viel früher, nämlich mit 70- oder 60-jährigen. Mrs 101 sieht richtig wohl aus, und das nachdem ich sie vor gut sechs Wochen in richtig schlechter Verfassung erlebt habe, unfähig aufzustehen, nicht in der Lage, selbst im Garten spazieren zu gehen.

Doch diese Zeit ist nur noch eine Erinnerung. Mrs 101 hat inzwischen wacker geübt. Da sie ja fast blind ist, marschiert sie – den Handlauf in der einen Hand, den Gehstock in der anderen – etwa dreimal am Tag in mehreren Folgen den Flur entlang. Flurauf, flurab, flurauf, flurab, …

Selbst ihre Freundin, Mrs 90, hat Respekt vor so viel Disziplin und Ausdauer. „Ich bin hier schon richtig bequem geworden“, sagt Mrs 90 und meint das dreiviertel Jahr Aufenthalt im Altersheim. „Sie müssen sich mehr bewegen“, entgegnet darauf Mrs 101 und erzählt von ihrem Gehtraining nach der Ankunft im Altersheim. Jeden Tag hätte sie im Flur geübt, obwohl ihr die Beine weh getan hätten. Das seien ja nur ungeübte Muskeln, hätte sie sich da gesagt, und einfach weiter gemacht, bis Füße und Beine irgendwann nicht mehr weh getan hätten.

Mrs 101 ist wieder einmal ein Vorbild für mich. Auch wenn ich sehe, wie würdevoll sie ihr kleines Kuchenstück zum Kaffee isst. Denn selber portionieren kann sie die Sahneschnitte nicht mir, sie sieht sie einfach nicht. Aber wenn ihre Nachbarn ihre kleine Stücke machen, dann handhabt sie ihre Kuchengabel mit großem Geschick und kann  ihr Essen genießen.

Der Appetit ist wieder zurückgekehrt.

Karinamo