Die Adventszeit war für mich bislang nicht sehr besinnlich. Entgegen der Gewohnheit der letzten Jahre hatte ich keine Gäste zum 1. Advent in meine Wohnung eingeladen. Kein gemeinsames Plätzchen essen, Kerzen anzünden und in die anbrechende Dunkelheit hinein plaudern und Geschichten austauschen.
Und doch habe ich gestern habe diesen einen besinnlichen Ort gefunden, nach dem ich mich irgendwie seit zwei Wochen gesehnt hatte. Ich fand ihn am Ende eines winterlichen Spaziergangs mit einem älteren Freund, der uns in die kathedralen-hohe Eingangshalle des Frankfurter Hauptbahnhofs führte. Dort stand ein in unseren Augen etwas grell ausgeleuchteter Weihnachtsbaum, der Bestandteil einer umfassenderen Werbedekoration der Firma Ferrero war. Auch ein Piano fand hier noch Platz, dem ein Klavierspieler sanft-gefühlvolle Töne entlockte.
Mein Begleiter und ich blieben am Rande des Arrangements stehen, genossen die Musik, bis uns beiden ziemlich synchron bewusst wurde, dass wir nicht mehr die alleinigen Zuhörer waren, sondern dass zahlreiche Reisende mit Trolleys und Taschen stehen geblieben waren, jung und alt, aber alle mit deutlicher Berührung in ihren Gesichtszügen.
Wir alle lauschten den Tönen, die anscheinend in uns alle die gleiche Sehnsucht befriedigten. Unwichtig, dass kurz darauf die angeheuerten Weihnachtsfrauen in roten Kapuzen das neue Ferrero-Produkt „Rondnoir“ auf großen runden Tabletts kredenzten. Dunkle Verpackung, neue Süße, aber wie gesagt, selbst für mich Zucker-Junkie war das Angebot uninteressant.
In dem Moment zählte die andere Süße, die Harmonie der Töne, der Frieden inmitten der Geschäftigkeit. Besinnlichkeit der anderen Art, mitten im Kitsch der Ferrero-Deko.
Karinamo