Im Frankfurter Westend, am Rande des Grüneburgparks gibt es seit Ende 2005 eine koreanische Tempelanlage - ein Geschenk aus Korea, das zuvor Schwerpunkt-Land auf der Frankfurter Buchmesse gewesen war. Eine Oase der Einkehr und Stille ist das Tempel-Areal geworden, aber es gibt auch Leute, die auf diesem Areal wie gewohnt konsumieren und wegwerfen wollen.
Zuerst sah ich gestern den mit Müll gefüllten Pappkarton, der auf der Balustrade des einen Tempels stand. Leichter Zorn kam in mir hoch. Können die Leute sich nicht mal hier beherrschen, einen Ort der inneren und äußeren Schönheit unangetastet lassen, schimpfte es in mir. Kurz darauf sah ich sah große blaue Müllsäcke, die von zwei Menschen herumbewegt wurden. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich ein junges asiatisches Paar, vielleicht in den Zwanzigern, beide in sportlicher Kleidung. Sie mit Cargo-Pants, farblich passendem Sonnen-Top und Turnschuhen, mit einem Pferdeschwanz, der bei jedem Beugen und Aufheben eines Müllstückes hin- und herwippte. Ihre Müllfrau-Ausrüstung bestand desweiteren aus weißen Baumwoll-Handschuhen und einer mittelgroßen Holzpinzette.
Während ihr blauer Müllsack immer voller wurde, strahlte sie – ebenso wie ihr Gefährte – Gelassenheit und sogar gute Laune aus. Kurz vor Abschluss der Arbeiten kam ein anscheinend befreundetes Paar des Müllentsorgungs-Teams und richtete sich mit Picknick-Decke auf meiner Wiese ein. Völlig vergessen schienen die Entmüllungs-Aktivitäten auf dem Tempelgelände, ich bekam ein Bild der Geselligkeit von modernen jungen Leuten.
Das Ganze rief in mir in gewisser Weise Verwirrung hervor. Einerseits war ich dankbar, dass das Pärchen den Müll von einem meiner Lieblings- und Kraftorte hier in Frankfurt entfernt hatte. Andererseits merkte ich, wie mein inneres Schubladen-System mächtig am Wackeln war, denn diese jungen Müllentsorger passten so gar nicht in meine Vorstellung von Behütern einer Tempelanlage. Sie wirkten äußerlich – zumindest was ihre Kleidung betraf – in keiner Weise dem spirituellen Pfad verpflichtet, sondern ausgesprochen lebens- und genussfreundlich.
Was hatte ich erwartet? Dass hier Menschen in einfachen Mönchs-Kutten aktiv sein müssten? Dass Zuwendung zu einem spirituellen Ort und seine Pflege nur aus der Abwendung vom Konsum heraus passieren kann?
Es scheint mir, dass ich mal wieder eine interessante Lehrstunde zum Thema „Dualität ODER Vereinbarkeit“ bekommen habe. Wie auch beim LOHAS-Prinzip, wo es um die Vereinbarkeit von Nachhaltigkeit UND modernem Leben geht, ist das asiatische Entmüllungs-Team ein äußerst lebendiger Beweis dafür, dass das Leben kein „entweder … oder“ sein muss.
„Ja, aber“, sagt das Kind in mir. Das hieß es doch immer, als ich klein war! „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ oder vergleichbare Sprüche. Als ich älter wurde, kamen die Stimmen anderer Autoritäten hinzu und anscheinend habe ich in meinen Zellen die Ansicht abgespeichert, dass Spiritutalität und ein sinnlich-genussorientiertes Leben nicht vereinbar seien. Ich bin mir sicher, dass es vielen anderen Menschen auch so geht, vielleicht sind deshalb unsere christlichen Kirchen – mal von den großen Feiertagen abgesehen – so leer.
Wer daran glaubt, dass die Pole vereinbar sind, verspürt sicherlich auch weniger Zorn auf seine Mitmenschen als die Opfer der „Entweder-Oder-Ideologie“. Oder anders gesagt: Die Überzeugung, dass Vereinbarkeit möglich ist, schafft inneren Frieden und wahrscheinlich mehr Toleranz den Unsitten (z.B. Müll wegwerfen) anderer gegenüber. Deswegen kam mir das Müllsäcke-Pärchen wohl auch so gelassen vor.
Karinamo