Das neue Lächeln
Mai 4, 2008 von karinamo
Immer wieder werde ich gefragt, wie es meiner Schwester Heidi geht. Es fragen Freunde, Verwandte und Bekannte, die wissen, dass Heidi vor knapp 3 Monaten mit einer Gehirnblutung ins Krankenhaus kam. Aktuell kann ich aus eigener Anschauung berichten, da ich zum verlängerten Wochenende im Landkreis Regensburg bin.
Es gibt tatsächlich erstaunliches zu berichten. Heidi kann sich wieder so gut bewegen - obwohl ihre rechte Körperhälfte über 3 Wochen gelähmt war - dass sie am Abschlussball ihres älteren Sohnes Oliver (15) mit dabei war und drei Runden mit ihrem Mann getanzt hat. Ausgesprochen gestrahlt und geleuchtet hat ihr Gesicht an diesem Abend. Vielleicht war es der Stolz der Mutter, die an Tanzkurs und Abschlussball sieht, wie ihr Kind langsam erwachsen wird, wie der schlaksige Teenager richtig chic aussieht in schwarzem Anzug mit rotem Hemd.
Aber ganz abgesehen vom aktuellen Anlass scheint es mir, dass meine Schwester sich durch die Erkrankung bei aller Ungeduld, die auch immer aus ihr spricht, der Sonnenseite im Leben stärker zugewandt hat. Ich sehe sie öfter lachen und vor allem lächeln, mit einem sehr jugendlichen, mädchenhaften Lächeln. Auch diese Lachfalten um ihre Augenwinkel sind mir früher nicht aufgefallen.
Einerseits sind ihre Abläufe und vor allem ihre Kommunikation verlangsamt, da ihr Sprachzentrum noch immer durch die Erkrankung belastet ist. Andererseits erscheinen mir ihre Reaktionen direkter und unmittelbarer. Die Kommunikation läuft eben teilweise in anderen Bahnen, mit ausgesprochen viel Mimik und spontanem Ausdruck von Emotionen über Laute.
Heidis Geschwindigkeit beim Zurückerobern ihrer Sprache erscheint mir schnell - auch wenn sie selbst das anders sieht - und ich kann mir gut vorstellen, dass sie in vier, fünf Monaten wieder alles sprechen kann, was sie möchte. Ich hoffe gleichzeitig, dass das neue Lächeln bleiben wird.
Karinamo
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