Von wegen Gutschein

Etikettenschwindel in der deutschen Wirtschaft. Nicht gerade eine Lappalie, aber doch ein beherrschbares Ärgernis dachte ich noch Anfang des Jahres 2011. Damals las ich in dem Buch „Der Informations-Crash: Wie wir systematisch für dumm verkauft werden“ quer. Las beispielsweise von Produkt-Packungen, die größer erscheinen sollen als sie sind. Mehr Beispiele habe ich mir nicht gemerkt, also kann meine Erschütterung damals nicht ganz so groß gewesen sein.

Doch inzwischen bin ich auch in meinem persönlichen Leben über mehrere Beispiele von völliger Intransparenz oder gar bewusster Irreführung der Verbraucher gestolpert und verspüre eine Welle der Dankbarkeit für die Unternehmer, die nicht in dieser Flutwelle mitschwimmen.

Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass mein Energieversorger mit einem Neukunden-Bonus oder Gutschein in Höhe von 60 Euro wirbt, von dem ich nicht gleich bei Vertragsabschluss profitieren kann. Aber nein, im Kleingedruckten heißt es: „Sie erhalten den Bonus nach 12 Monaten ununterbrochener Belieferung in Form einer einmaligen Gutschrift auf die nächste Jahresverbrauchs- oder Schlussrechnung“. Also im Klartext: Das Unternehmen macht den Umsatz heute und ich bekomme die Gutschrift über-über-übermorgen, nämlich mit der nächsten Jahresrechnung im Oktober 2012. Neukundin bin ich allerdings 16 Monate vorher geworden, im Juni 2011.

Noch skuriller ist das Erlebnis eines Familienmitgliedes mit dem freundlichen Gutschein eines Reiseanbieters. 100 Euro Gutschein – prima, da freut sich doch jeder! Hinterher erfuhr man allerdings, dass der Gutschein nur dann eingelöst werden kann, wenn noch mal eine Reise gebucht wird mit Mindestwert von 500 Euro. Und wenn man dann diese Hürde genommen hat, dann hat man noch eine 3. Reise zu buchen, bei der die 100 Euro dann tatsächlich gegengerechnet werden.

Nachdem ich mir diesen Fall auf der Zunge zergehen habe lassen, wird es mir beim Thema „Etikettenschwindel“ künftig nie mehr an aussagekräftigen Beispielen mangeln.

Karinamo

Schlaf-Hormon im Verzug

Die Neurobiologie erklärt uns unsere Gefühle,woher sie kommen und wohin sie gehen, warum unser Denken manchmal blockiert ist und ob unser Langzeitgedächntnis nun gut funktioniert oder nicht. Frustierten Teenager-Eltern kann sie auch erklären, warum ihr Sohn oder ihre Tochter morgens so schlecht aus dem Bett kommt. Melanthonin, das für das Einschlafen zuständige Hormon, wird bei Jugendlichen in der Pubertät im Schnitt zwei Stunden später ausgeschüttet als bei Erwachsenen. Ach so, dachte ich mir während des Vortrages gestern, deshalb gehen die gar so gerne spät ins Bett und kommen manchmal unendlich schwer aus den Federn.

Gut zu wissen. Dann ist das ja gar keine verwerfliche Absicht oder ein unbelehrbares Muster, sondern ein Ergebnis von Mutter Natur. Und dann kann man sich vielleicht auch besser darauf einstellen.

Theoretisch könnte der Unterricht an den Schulen demnach später anfangen. Schöne neue Welt…!

Karinamo

Forever ohne Laufmasche

Sie ist stolz auf ihre Beine. Keine blauen Flecken und keine Krampfadern. Gesunde Beinmuskualtur in den Waden, schlanke Optik. Meine hoch betagte Lady, Mrs. 101, kann sich sehen lassen in ihren Nylons, die sie sich trotz der fast vollständigen Erblindung jeden Morgen selbst anzieht. Und nicht nur das: Sie wäscht ihre Strümpfe jeden Abend im Waschbecken aus, quasi nach dem Motto „ein Paar für alle Zeiten“. Etwas Flüssigseife auf das Fußteil, gut ausgewaschen und dann aufgehängt.

Sie hat mir erzählt, wo diese Gewohnheit herkommt. Damals vor vielen Jahrzehnten, als die Nylons aufkamen, schob ihr ihre Schwester nach dem Waschtag immer die Strümpfe zu, die eine Laufmasche hatten. „Das sind Deine“, behauptete die Schwester und sicherte sich damit ein anderes, intaktes Paar. So kam meine alte witzige Lady auf die Idee, abends ihre Strümpfe immer auszuwaschen und sie nicht in den allgemeinen Wäschesack zu stecken. Und siehe da, sie hatte unversehrte Strümpfe, jeden Morgen aufs Neue. Denn irgendwie schaffte sie es, jedes einzelne Paar sehr lange am Leben zu halten. Wie passend, denn sie selber ist ja auch sehr alt geworden und pflegt sich noch heute. Auch wenn es mühselig ist und anscheinend eine ganze Stunde dauert. Sie cremt täglich ihren ganzen Körper ein und das morgens und abends.

So viel Selbstfürsorge und Zärtlichkeit am eigenen Körper stärkt garantiert auch das Immunsystem.

Karinamo

Unkultur des scharfen Diskutierens

Warum soll eigentlich unter intellektuell-engagierten Leuten immer kritisch und scharf – dabei auch noch fair – diskutiert werden? Was bringt das? Geht das Publikum hinterher klüger oder befriedigter von dannen, weil das Weltbild mal wieder bestätigt ist, dass man sich durchsetzen muss in dieser Welt, weil einem sonst die Butter vom Brot genommen wird?

Heute Abend habe ich hautnah, in der 3. Zuschauer-Reihe erlebt, wie so die Stimmung kippen kann und hinterher gemauert wird. Dabei ging es so gut los mit dem Moderator des Forums, der jeden auf dem Podium ausführlich vorstellte und glaubwürdig herzlich begrüßte. Wahrscheinlich lag es nicht zuletzt an dieser herzlichen Begrüßung, dass der Minister mit Humor und Charme auf die ersten Fragen reagierte, durchaus mit einer Prise Selbstironie. Er gewann die Sympathie des Publikums, doch dann zerrann sie auch wieder.

Denn der Minister ließ Humor, Charme und Selbstironie immer mehr in den Hintergrund treten und parierte schwierige, kritische Fragen mit einer Lawine von Fakten und Zahlen, komplexen Einzelheiten, die immer so ausgewählt schienen von diesem schnell sprechenden Menschen, ihn und seine Arbeit als höchst kompetent und über schnöde Angriffe erhaben dastehen zu lassen. Sein Zahlengedächtnis war für mich beeindruckend, ebenso wie die Detailkenntnis, doch dennoch war die Wirkung verheerend. Eine Trennwand baute sich so auf, zwischen ihm und dem Moderator, zwischen ihm und den anderen Podiumsteilnehmern, zwischen ihm und dem Publikum. Und je mehr Kritik an ihn und sein Weltbild herangetragen wurden, umso mehr trieb er die Zahlen-Daten-’Fakten-Wand in den Raum hinein und wurde zu Mr. Unfehlbar, der gleichzeitig andere nicht ausreden ließ oder ihne eine Belehrung zuteil werden ließ wie dem gut informierten HR-Journalisten, der mit viel Feingefühl und ohne Drang zur Provokation nicht regierungskonforme Informationen in die Runde einbrachte.

Hätte seine Art doch nur mehr Raum gehabt, dieses Hinweisen und zur-Diskussion-stellen, ohne die eigene Position zum Maß aller Dinge zu machen! Zum Schluss waren Charme, Humor und Selbstironie des Ministers nur noch eine blasse Erinnerung. Und wie es wohl dem Moderator ging? Die scharfe Diskussion hatte er erreicht, war aber von dem Minister ein paar Mal angepfiffen worden. War’s das wert? Oder ist nicht vielmehr ein selbstironisches, humorvoller Minister viel mehr wert.

Karinamo

Abschied von meiner Oma

Vor einer Woche ist meine Oma gestorben. Zum Schluss war es angesichts ihrer Krankheit eine Erlösung, und dennoch fühle ich tiefe Traurigkeit und einen großen Verlust. Denn meine Oma hat 43 Jahre lang zu meinem Leben gehört. Sie war eine Kämpferin mit schier unendlichem Lebens- und Überlebenswillen. Sicherlich dreimal in den letzten acht Jahren sahen wir sie mit einem Fuß im Grab und immer wieder ging es dann bergauf. Für die Ärzte war sie ein Phänomen, eine erstaunliche Frau, die mit 79 Jahren zur Dialyse-Patientin wurde und sich trotz der ungeheuren körperlichen Auszehrung infolge dieser Behandlung 14 Jahre lang dreimal pro Woche der Dialyse unterzog.

Woher kam diese Kraft, was waren die Wurzeln meiner Oma?

Schon als sie geboren wurde, war das Leben kein Zuckerschlecken. Am 10. Januar 1918 lag der 1. Weltkrieg in seinen letzten Zügen. Zusammen mit ihrer Schwester Erna wuchs die kleine Emma  in einem kleinen böhmischen Dorf am Rande des Erzgebirges auf und wurde in der Schule eine gute Schülerin. „Sie war keine Dumme“, haben mir meine Eltern erzählt. Sie hätte nur Einser und Zweier gehabt.

Und schon in der frühen Kindheit erwarb sie eine Fertigkeit, die sie tatsächlich bis zur Meisterschaft entwickelte: Das Spitzen-Klöppeln. Erklären konnte sie es einem nicht richtig, was sie da eigentlich machte. Viel zu schnell flogen die Klöppel über den Klöppelsack, und hinschauen musste sie auch kaum.

Meine Oma gebar meinem Opa zwei Söhne. Die beiden erlebten 45 gemeinsame Ehejahre, die Entbehrungen des 2. Weltkrieges und 1966 schließlich den Abschied von ihrer alten Heimat verbunden mit dem schwierigen Neuanfang als Spätaussiedler in Ostbayern.

Ich erinnere mich noch, dass wir in meiner Kinderzeit Sonntag Nachmittags oft bei Oma und Opa waren, wo in größerer Runde das Kartenspiel „Anlegen“ gespielt wurde. Um Pfennigbeträge wurde da gespielt, das mit Begeisterung und Leidenschaft. Diese Leidenschaft fürs „Anlegen“ hat sich meine Oma bis zuletzt bewahrt. Als ich mit zwei ihrer Urenkel Ende Juni zu Besuch im Altersheim war, haben wir schnell mal vier Runden „Anlegen“ gespielt. Der 9-Jährige staunte nicht schlecht, als zwei dieser vier Runden an die „Urle-Oma“ gingen. Denn sie war bis zum Schluss ein Fuchs beim Karten spielen.

Diese Erinnerung wird uns bleiben.

Karinamo

Der letzte Gang

Wie konnte das nur so schnell gehen? In der letzten Juli-Woche saß Mrs 90 noch auf meinem neuen Wohnzimmer-Sofa und unterstützte mich mit ihren positiven Kommentaren beim Anlegen einer Farbwand. Heute am 11. September 2011 ist sie schon zwei Tage tot und ihr sterbliche Hülle wartet auf die Feuerbestattung.

Es ist unfassbar, dass diese Frau zwar mit starkem Eisenmangel, aber doch wohl aussehend in ein großes Frankfurter Krankenhaus ging und dieses erst wieder im Sarg verlassen hat. Und leider nach jeder Menge Leiden.

Denn zweifelsohne ist es ein Leiden, wenn ein 90 Jahre alter Mensch wegen eines – wie sich herausstellte – noch nicht bösartigen Tumors im Darm den gesamten Bauch aufgeschnitten bekommt und wenn ihr nach der Operation und einigen daraus entstehenden Komplikationen ohne Narkose Eiter entfernt wird.

Diese Frau hatte keine Angst vor dem Tod und wie tragisch, dass ausgerechnet sie in den Würgegriff der Apparatemedizin gekommen ist, dass ausgerechnet bei ihr, ein so genannter lebenserhaltender Eingriff nach dem anderen gemacht wurde. Wie folgerichtig, dass sie die Magensonde, die man ihr ganz zum Schluss gesetzt hatte, selber entfernt oder sich besser gesagt herausgerissen hat. Folgerichtig ja, aber auch hart.

Ohne ein Gutteil Schmerzen kann dieses Ableben nicht vonstatten gegangen sein, auch wenn über die Infusionen wohl Schmerzmittel zugeführt wurden. Umso erstaunlicher, dass diese Frau noch lachen und auf eine fast jenseitige Art mit uns scherzen konnte, als Mrs 101 und ich sie fünf Tage vor ihrem Tod im Krankenhaus auf der Intensivstation besuchten.

Sie erkannte uns noch, meinte mit Wärme in ihren Augen, sie sei „sprachlos“, uns hier zu sehen. Nicht alles, was sie danach sprach, kam aus klarem Bewusstsein. Das erkannte selbst die nahezu erblindete und vom Gehör ziemlich eingeschränkte Mrs 101. Doch beim Abschied war die Patientin wieder ganz und gar bei uns. Wieder dieses Lachen, als sie zu ihrer betagten Freundin sagte: „Auf die nächsten 100 Jahre!“ Ich musste schwer schlucken, es kam mir vom Bauchgefühl wie ein Abschied vor, nur der Verstand wollte es noch nicht wahrhaben. 

Ich bin so froh, dass ich die Stimme von Mrs 90 in meinem inneren Ohr noch hören kann. Ich brauche einfach noch etwas Zeit, um ihren Tod und den Verlust dieser großartigen Frau zu akzeptieren. Um nicht sinnbildlich Schaum vor dem Mund zu bekommen, wenn ich über ihre Behandlung in dem großen Krankenhaus spreche. Ich brauche noch mehr Zeit.

Karinamo

Ich bin wieder da

Zwei Monate Blog-Pause. Und auch vorher in drei Monaten nur drei Postings. Nach der beruflichen Veränderung Anfang Mai habe ich gemerkt, dass ich einfach nicht auf Knopfdruck bloggen kann. So gerne ich im Grunde schreibe, es braucht doch Ruhe und Muße und noch etwas, was ich gar nicht so in Worte fassen kann.

Dann wird es immer schwieriger, den Faden wieder aufzunehmen, und es stellt sich die Frage: Wann ist der richtige Moment?

Mittlerweile ist etwas passiert, was ich mir tatsächlich von der Seele schreiben wollte und was anknüpft an die Postings im 1. Halbjahr 2011. Es geht um meine alten Ladies, die mich so oft zum Schmunzeln gebracht haben und von deren reduziertem Leben im Altenheim ich einiges lernen konnte. Und es geht um eine andere alte Dame, meine 93-jährige Oma.

Doch davon später.

Karinamo

Film und Fußball mit großen Bildern

Wie wird das fast Unmögliche möglich? Darauf gibt es viele Antworten, in vielen schlauen Büchern und Seminaren. Oder man geht einfach ins Kino oder schaut sich Fußball an.Vielleicht sind die Antworten dort sogar plastischer und eingängiger. Je nach dem, wieviele schlaue Bücher jemand schon gelesen hat …

Tatsächlich bekam ich am Freitag im Action-Kino eine Antwort, aber eben nicht in irgendeinem Film, sondern in „KungFu Pand 2″, dem Animationsfilm um den schwabbelig-heldenhaften Drachenkrieger Po, einen Pandabären.

Schon in Teil 1 musste Po lernen, seinen eigenen Weg zu gehen und Vorbilder von großen KungFu-Helden nicht 1:1 zu übertragen. In Teil 2 nun muss er das schier Unmögliche möglich machen und die Zerstörungskraft von Kanonenkugeln aufhalten. Die Lösung dazu, sagt sein Lehrer, Meister Shivu, am Anfang, liegt darin, inneren Frieden zu finden und im entscheidenden Moment der Krise zu leben.

Po findet seinen inneren Frieden, als er verdrängte Bilder und Erinnerungen an seine Kindheit erst zulässt und dann seinen Frieden mit dem damals Geschehenen findet. Ein großes psychologisches-spirituelles Thema, ganz nebenbei, fröhlich und leicht in einen ansonsten rasanten 3D-Animationsfilm eingewoben.

Und dann gibt es noch das spontane Gewebe des Lebens, das nicht erst in Hollywood produziert wird. Davon habe ich am Samstag Abend in einer Regensburger Kneipe unter Fußballzuschauern für mich Faszinierendes mitbekommen.

Ich erinnere mich gut an die kurze Pause für die Spielerinnen des deutschen und des japanischen Teams, bevor beide in die Verlängerung gingen. Die deutschen Kickerinnen frischten sich kurz auf und lauschten dann ihrer Trainerin Sylvia Neid, die ernsthaft und intensiv auf ihre Spielerinnen einredete. Fast wie eine Predigt wirkte das Ganze. Aber eben ernst und irgendwie angespannt.

Bei den Japanerinnen und ihrem robust wirkenden Trainer eine in meinen Augen deutlich sanftere Szene. Alle Beteiligten im Kreis, die Arme an den Schultern der Nachbarn, alle in die Mitte geneigt und aufeinander zu gewendet. Eine Szene der Verbundenheit. Ein kurzer Zusammenschluss vor der Verlängerung im Spiel gegen die deutsche Mannschaft, die allen im Vorfeld klar als Favoritin gegolten hatte.

Der Ausgang der Verlängerung ist bekannt. Den Japanerinnen gelang das fast Unmögliche, das Tor gegen eine deutsche Mannschaft, die immer wieder massiv gegen das Tor der Japanerinnen anrannte, aber im Ziel nicht ankam.

Der Kreis gibt Kraft und Ausrichtung. Den Japanerinnen wahrscheinlich auch. Sie verzagten nicht und siegten.Wenn das kein Lehrstück ist, dass es nicht nur auf Machen, Machen ankommt, sondern auf die Ausrichtung jeder Einzelnen und auf die Verbundenheit in der Gruppe.

Ich bin gespannt, wie es bei dem japanischen Team weitergeht. (Und wünsche den deutschen Spielerinnen ein möglichst leichtes Verarbeiten ihrer Niederlage!)

Karinamo

Faltenarm mit 101

 Wie zerfurcht muss eigentlich das Gesicht einer 100-Jährigen aussehen? Diese Frage habe ich mir am Sonntag Nachmittag gestellt, als ich neben Mrs 101 am Kaffeetisch im Altenheim saß.

Die Wangen der wackeren Lady sehen nämlich eindeutig glatter aus als die von anderen Seniorinnen,  seien sie nun in den 80ern oder 90ern. Und eigentlich beginnt der Vergleich schon viel früher, nämlich mit 70- oder 60-jährigen. Mrs 101 sieht richtig wohl aus, und das nachdem ich sie vor gut sechs Wochen in richtig schlechter Verfassung erlebt habe, unfähig aufzustehen, nicht in der Lage, selbst im Garten spazieren zu gehen.

Doch diese Zeit ist nur noch eine Erinnerung. Mrs 101 hat inzwischen wacker geübt. Da sie ja fast blind ist, marschiert sie – den Handlauf in der einen Hand, den Gehstock in der anderen – etwa dreimal am Tag in mehreren Folgen den Flur entlang. Flurauf, flurab, flurauf, flurab, …

Selbst ihre Freundin, Mrs 90, hat Respekt vor so viel Disziplin und Ausdauer. „Ich bin hier schon richtig bequem geworden“, sagt Mrs 90 und meint das dreiviertel Jahr Aufenthalt im Altersheim. „Sie müssen sich mehr bewegen“, entgegnet darauf Mrs 101 und erzählt von ihrem Gehtraining nach der Ankunft im Altersheim. Jeden Tag hätte sie im Flur geübt, obwohl ihr die Beine weh getan hätten. Das seien ja nur ungeübte Muskeln, hätte sie sich da gesagt, und einfach weiter gemacht, bis Füße und Beine irgendwann nicht mehr weh getan hätten.

Mrs 101 ist wieder einmal ein Vorbild für mich. Auch wenn ich sehe, wie würdevoll sie ihr kleines Kuchenstück zum Kaffee isst. Denn selber portionieren kann sie die Sahneschnitte nicht mir, sie sieht sie einfach nicht. Aber wenn ihre Nachbarn ihre kleine Stücke machen, dann handhabt sie ihre Kuchengabel mit großem Geschick und kann  ihr Essen genießen.

Der Appetit ist wieder zurückgekehrt.

Karinamo

Kein gutes Gefühl dabei

Samstag Mittag an der Konstabler Wache in Frankfurt. Mitten in der City. Großes Polizeiaufgebot rund um den Wochenmarkt. Eine alte Frau fragt mich, ob ich den Hintergrund für den Polizeieinsatz kennen würde. Ich muss passen. Wesentlich besser ist da die Marktfrau an meinem bevorzugten Gemüsestand gegenüber der Sparkasse informiert. Es geht um das Fußballspiel Eintracht Frankfurt gegen Köln, aber auch um die doch noch genehmigte Veranstaltung eines so genannten Hassprediger mit islamischen Hintergrund.

Gleich kommen wir auf die Nachricht der Woche aus dem Weißen Haus zu sprechen: auf die Tötung von bin Laden. Die Marktfrau, die ich nun schon seit vielen Jahren kenne, sagt, sie hätte kein gutes Gefühl, wie das gelaufen ist und zieht einen Vergleich aus dem Leben von Jedermann und Jederfrau. Wenn unser Kind umgebracht würde, sagt sie, könnte es gut sein, dass wir den Täter auch umbringen wollten. Aber dürften wir das? Nein, das dürften wir dann nicht.

„Natürlich muss das bestraft werden“, sagt sie, und meint Bin Laden. Aber sie fragt sich, ob die Erschießung ohne Gerichtsverfahren und alles richtig sein kann. Und gleichzeitig sagt sie mir, dass man das ja gar nicht laut sagen kann. Ich weiß, was sie meint. Gleich am ersten Tag, als die Nachricht über alle Kanäle lief, hatte ich den Eindruck, dass dieses Ereignis in Pakistan nur in einer Richtung bewertet werden sollte. Nämlich uneingeschränkt positiv. Und dass diejenigen, die sich fragen, ob der Zweck die Mittel heiligt, am Ende in Verdacht geraten, mit der Sache der Terroristen zu sympathisieren.

Nein, natürlich keine Sympathie für die Greueltaten von bin Laden, und Erleichterung, dass er jetzt nichts mehr anrichten kann! Doch auch hier kann ich meine Marktfrau gut verstehen. Man fragt sich, wer nachkommt bei der Terrorgruppe… Und ob diese Leute durch die Art der Tötung und die mediale Vermarktung nicht erst recht zum Weitermachen in ihren blutigen Aktionen aufgestachelt sind.

Für nachhaltigen Frieden brauchen wir noch mehr an Instrumenten und Veränderung, mehr als die Operationen der Geheimdienste, militärische Spezialeinheiten und gezielte Tötungen. Es braucht das Schwierigste überhaupt: Bewusstseins-Veränderung.

Karinamo

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